Die Rolle des Bauhaus im Social Media Design 6/6: Trends und Lessons Learned

Der sechste und letzte Artikel der Reihe soll ein Gesamtfazit darstellen und dabei Trends und Lessons Learned herauskristallisieren. Als Einstieg sollen die bisherigen Artikel kurz zusammengefasst werden.

Der erste Artikel...

...legte die Grundlagen, indem das Verständnis für Bauhaus, Design, Social Media und Social Media Design in Form von Definitionen und Merkmalen etabliert wurde.

Der zweite Artikel...

...befasste sich mit dem Versuch, einen Lehrplan für Webdesigner aufzubauen, der sich am Bauhaus-Programm orientierte.

Der dritte Artikel...

...behandelte das aktuelle bzw. nicht mehr aktuelle Buzz-Thema »Design Thinking«. Der Prozess wurde ausführlich beschrieben, um ihn anschließend auf seine Vereinbarkeit mit dem Bauhaus und Social Media zu prüfen.

Der vierte Artikel...

...stellte die Frage wie (handwerklich) anspruchsvoll Webdesign tatsächlich ist bzw. inwiefern ein handwerklicher Anspruch überhaupt gegeben ist. Dabei wurden die bauhäuslichen Prinzipien mit denen des Webdesign abgeglichen. Außerdem wurde der Begriff des »greifbaren Codes« ein- und ausgeführt.

Der fünfte Artikel...

...war im Wesentlichen ein Manifest - das erste SOCIAL MEDIA DESIGN MANIFEST. In 25 Thesen / Hypothesen / Theorien wurde für Webentwickler (von Copy und Content) eine theoretische Sammlung von aktuellen Paradigmen im Social Web und Social Media verlautbart.

Der sechste Artikel...

...wird nun alle Artikel rückblickend betrachten, teilweise wiederholen und den folgenden abschließenden Fragen nachgehen:

  • Was kann Social Media Design (SMD) vom Bauhaus lernen?
  • Welche Aspekte von Social Media wären für das Bauhaus nützlich gewesen?
  • Wie sieht die Zukunft von Webdesign im Post-Bauhaus-Zeitalter aus?

Außerdem soll der Frage nachgegangen werden, welche Konsequenzen das erlangte Wissen für Design 2.0 in gesellschaftlicher, industrieller und wirtschaftlicher Weise hat.

Was kann SMD vom Bauhaus lernen?

Im Wesentlichen kann Social Media Design vom Bauhaus lernen:

  • Dinge müssen funktionieren.
  • Gebaute Angebote und Werke sind (nicht) für Jedermann.
  • Gebaute Angebote und Werke entstehen, weil sie gebraucht werden.
  • Individualismus trotz Massenfertigungstechniken.
  • Einfache Handhabung.
  • Vereinigung (konvergieren) statt Vereinsamung.

Dinge müssen funktionieren

Dies sollte die allererste Prämisse sein. Aktuelle Ausfälle wie die von Amazons Cloud Computing Service müssen also vermieden werden, auch wenn Services wie Flavors.me trotz Ausfall ihres Services verlautbaren, verständnisvolle Kunden - zu haben...wenn auch nicht alle.

Gebaute Angebote und Werke sind (nicht) für Jedermann

Trotz des Anspruchs des Web (»Zugang für Jeden«) und des Bauhauses (eine »Lebensangelegenheit des ganzen Volkes«), von der Allgemeinheit (Jedem) erreichbar zu sein, lehrt uns das bisher Erfahrene, dass Social Media besonders von der Differenzierung des Jedermann und dessen Anspruch lebt. Spezialangebote (Nischen) sind die Folge. Fraglich bleibt, inwiefern z.B. das Phänomen Facebook als ein solch beschriebenes Angebot gezählt werden kann, weil es vielmehr als Infrastruktur (etwas großes Ganzes) für Nischenangebote dient, statt als dedizierter Social Media Service gesehen zu werden.

Gebaute Angebote und Werke entstehen, weil sie gebraucht werden

Statt Angebote zu bauen, die keinem echten Bedarf entspringen und nur der Sache selbst willen entstehen (»l‘art pour l‘art«), sollen sinnhafte und notwendige Angebote entstehen.

Individualismus trotz Massenfertigungstechniken

Trotz der Gleichheit, die aktuelle Angebote wie Facebook, Twitter, Netvibes, Mixxt, besagtes Flavors.me u.ä. bieten, muss Raum für individuelle Ausprägungen gegeben sein. Web und Social Media leben von der Vielfalt und der besagten Nische.

Einfache Handhabung

Es muss klar erkennbar sein, was mit diesem und jenen Werkzeug und Tool zu machen ist - siehe auch Affordances (Don Norman).

Vereinigung (konvergieren) statt Vereinsamung

Beinahe trivial zu erwähnen ist die Mentalität der interdisziplinären Kooperation und Kollaboration, die von Walter Gropius & Co. angestrebt wurde. Trivial deswegen, weil bereits vor einigen Jahren Web-Angebote à la Google Maps (2005), Flickr (2004) u.ä. mit ihren offenen APIs eine klare Mashup-Mentalität aufweisen bzw. Angebote wie Yahoo Pipes (2007) Oberflächen zur Generierung von eigenen Mashups bereitstellen. Da die konvergierende Zusammenarbeit nicht nur eine Stärke des Bauhauses ist, diese folglich bereits Anwendung im Social Media findet, soll dieser Aspekt last but not least erwähnt werden.

Welche Aspekte von Social Media wären für das Bauhaus nützlich gewesen?

Interessant und relevant wäre fürs Bauhaus gewesen:

  • Über die Stärke zu wissen, die Menschen im Social Web gemeinsam aufbauen können.
  • Die Emanzipation des Otto Normalbürgers (»Wutbürgers«) via Social Media / Die Rückkehr der (aus)gelebten Demokratie.

Gemeinsame Stärke von Menschen im Social Web

Nicht durch Experten, sondern durch eine große Masse an Bürgern wie du und ich konnte z.B. Nestlé dazu bewegt werden, Palmöl nicht länger aus dem indonesischen Regenwald nutzen - jenem Wald, in dem der Orang-Utan sein Zuhause findet und durch dessen Abbau sein Existenzaus drohte.

Emanzipation des Normalbürgers / Rückkehr der Demokratie

Die Schlagzeilen zu WikiLeaks dahingestellt, dient es als gutes Beispiel, in dem der einfache (brave) Bürger plötzlich auf Augenhöhe mit Unternehmen und Staatsregierungen steht und ihnen Paroli bieten kann. Besagter Bürger kann dadurch souveräner und selbstbewusster auftreten, denn Wissen bedeutet (trotz allmählichen Schwunds wegen derartiger Plattformen) Macht. Insofern ist WikiLeaks eine der bekannten Plattformen, die dem Volk die Macht (Demokratie) zurückgibt.

Wie sieht die Zukunft von Webdesign im Post-Bauhaus-Zeitalter aus?

Nachfolgend soll verfasst werden, welche Schwerpunkte das Webdesign zukünftig ausmachen:

  • Bionik / Biomimikry
  • 3D
  • Der Browser & native Browser-Technologien

Bionik / Biomimikry

Webdesign ist heute bereits greifbar und ahmt Elemente der analogen Welt, z.B. Holztexturen, Bedienelemente, Buttons u.ä., nach. Es wird morgen noch stärker die analoge Realität ausdrücken und imitieren.

3D

Was gerade (wieder) in der Filmbranche hinsichtlich des 3D-Erlebnisses passiert und auch in Spielkonsolen à la Nintendo 3DS Einzug hält, findet bereits marginal auch schon im Webdesign statt. Youtube bietet seit 2009 bereits eine 3D-Funktion - mit Brille. Jacqueline Thomas (Web Design Ledger) sieht diesen Trend in Form von »Parallax Scrolling« und »Depth Perception«.

Der Browser & native Browser-Technologien

Multimediale Fähigkeiten (v.a. Video) ist dank HTML5 nun nicht mehr länger auf Flash-Technologie beschränkt. Zusammen mit CSS3 und JavaScript wird der Browser mehr und mehr zu der Applikation schlechthin. Ähnliches meint wohl Google auch mit seinem Chrome OS.

Fazit

Es bleibt spannend im Feld des Web- und Social-Media-Design (Design 2.0). Mit der pragmatischen Bauhausbrille wurde auf aktuelles Design fürs Web geschaut und versucht, Parallelen zu finden. Was klar wird, ist die offensichtliche Kompatibilität beider Bereiche - Bauhaus und SMD sind kompatibel zueinander.

Gesellschaftspolitisch kann Design 2.0 helfen, Projekte wie WikiLeaks noch stärker zu machen und dank eines intelligenten Mixes aus Design und Content mehr Menschen davon überzeugen, sich in Gesellschaft und Politik zu engagieren bzw. zur Mündigkeit zurückzufinden.

Industriell wird es die Aufgabe von Design 2.0 sein, dem Web eine größere Einladungsmentalität zu verleihen, also andere Industrien (gemäß Design Thinking) einzubinden statt auszuschließen.

Wirtschaftlich ist Design 2.0 wohl ein Wachstumsmarkt, dessen Bedarf immer größer wird. Doch statt nur Design im klassischen Sinne zu betreiben, werden mehr und mehr technische Anforderungen an den Webdesigner gestellt - siehe Bauhaus-Lehrplan. Dies ist auch der Grund warum man von einem Webentwickler sprechen sollte.

In jedem Fall ist für Kontinuität gesorgt - das Web wird nicht aussterben. Als eine von vielen Anwendungen des Internets ist es mit seiner neuesten Erweiterung namens Social Media auf dem Weg in die richtige Richtung. Jene, welche den Menschen im Zentrum sieht (HCD), die ihn umgebende belebte und unbelebte Natur allerdings nicht außer Acht lässt (DT).

Weiter so!

Filmrezension: Der Plan (2011)

Der-plan

Wenn alles nach Plan läuft, kann nichts schief gehen. So weit die Theorie. Welche Komponente sorgt nun dafür, dass etwas schief geht? George Nolfis »Der Plan« meint, dass es menschliche Gefühle in Form von Liebe und der Zufall seien.

David Norris (Matt Damon) geht als tragische Figur in die Politik. In ihr erhofft er sich die Aufmerksamkeit, die ihm seine verstorbene Familie nicht mehr geben kann. Als klar ist, dass er die lokalen New Yorker Wahlen (wahrscheinlich plangemäß) nicht für sich entscheiden wird, begegnet er kurz vor seiner Rede zur Wahlschlappe Elise (Emily Blunt) auf der Toilette. Ihr ist es zu verdanken, dass seine Rede im Folgenden zwar unkonventionell und für einen Politiker ungewöhnlich ehrlich vonstatten geht, aber langfristig erfolgversprechend wird. Ihr ist es ebenfalls zu verdanken, dass er seine Rolle als Politiker als nicht mehr so wichtig erachten wird.

Nun gibt es aber gewisse Menschen, die etwas gegen diese Liaison haben. Man könnte sie als die Befehlsempfänger des »Vorsitzenden« bezeichnen. Sie sorgen dafür, dass Planabweichungen vermieden werden. Das ist nötig, weil die Menschen nicht alleine für sich sorgen können. Immer, wenn man sie in der Menschheitsgeschichte auf sich allein gestellt habe, sollen Unglücke wie der Erste und Zweite Weltkrieg, der Holocaust u.ä. passiert sein. Die Berechtigung einer solchen allmächtigen Instanz und seiner Handlanger scheint also vorhanden zu sein.

Bekannterweise sind Regeln und Pläne da, um gebrochen zu worden. Insofern verwundert es nicht, dass der Zufall und Davids unerwartetes Verhalten dem Verlauf der Filmgeschichte und des Plans eine neue Richtung geben. Denn ein paar Tage nach dem Klotreffen trifft er Elise im Bus wieder. Er bekommt ihre Telefonnummer, verliert sie aber durch ein ungeplantes Treffen mit den Handlangern des Vorsitzenden. Erst drei Jahre später sieht er sie durch die regelmäßige (tägliche) Fahrt mit dem gleichen Bus, in dem sie sich einst wiedertrafen. Es ist wohl bewusst ambivalent, dass erst die planmäßige Routine dafür sorgen muss, dass ein Zufall geschieht. Die ganzen drei Jahre hatte er sie nicht vergessen - das war sein Antrieb und seine Motivation.

Die scheinbar glückliche Zeit der Zweisamkeit hält leider nicht lange an, denn was folgt, ist der wohl traurigste Moment im Film. David lässt die begeisterte Tänzerin Elise mit verstauchtem Fuß im Krankenhaus zurück, nachdem er von einem noch fieseren Schergen darüber informiert wurde, dass sie mit ihm nie eine erfolgreiche Tänzerein werden könne. Er würde, bliebe er an ihrer Seite, auch nie wieder erfolgreich in der Politik sein. Das Dilemma ist vollbracht: Bleibt er bei ihr und zerstört den Traum von beiden oder verlässt er sie, um Beiden Gutes zu tun? 

Auch wenn die Frage beantwortet scheint, ist sie nach weiteren elf Monaten wieder offen. David, der bei den aktuellen New Yorker Wahlen nun mit 16 Punkten vorne liegt, liest von der anstehenden Hochzeit der erfolgreichen Elise mit ihrem Ex.

Das wurmt ihn so sehr, dass er es nicht zulassen kann. In einer kurzen Einführung in die Tür-zu-Tür-Fortbewegung - gelehrt von einem ihm wohlgesonnenen Handlanger des Vorsitzenden - packt David es an, Elise zurückzugewinnen. Auf dem Klo - dort wo alles anfing - erklärt er ihr (nach einer hektischen Hatz) was es mit seinem Verhalten auf sich hat.

Was nun folgt, ist die weitere Flucht mit wilden Türwechseln und der Entscheidung Elises, komme was wolle an Davids Seite zu bleiben.

Der Mut Beider zahlt sich aus, denn am Ende ist es Davids Lehrmeister, der die frohe Nachricht überbringt. Dabei ist und bleibt offen, wer nun eigentlich dieser ominöse Vorsitzende ist, »für den die Menschen der normalen Welt einen anderen Namen haben« (Gedächtnisprotokollzitat).

Fazit

Die Filmmoral ist eindeutig: Halte konsequent an dem fest, wovon du überzeugt bist. Mit dieser Einstellung gelingt es dir am Ende, auch fest gefahrene Konventionen zu brechen und erfolgreich zu sein. Es scheint, solange der Antrieb kühn und unkonventionell ist, dürfen die beschrittenen Wege auch konventioneller Natur sein. Das macht Davids Handeln insgesamt sinnvoll und nachvollziehbar.

Etwas schade ist am Film, dass die gute Story, auf der der Film basiert, nicht noch weiter gesponnen wurde. Streckenweise wollte man die bösen Handlanger als Agenten von »Matrix« einordnen. Mit dem »Happy End« bleiben sie aber nur als unfähige, leicht trottelige Nichtskönner im Gedächtnis zurück. Mein Filmbegleiter vergab als Fazit ein »schlecht«, während ich mich für den Film wirklich begeistern konnte. Das lag nicht zuletzt an dem harmonischen Schauspiel von Emily Blunt und Matt Damon.

[UPDATE 15.03.2011, 09:28]

Um den Film noch nachhaltiger in meinem Kopf zu platzieren, dachte sich das Schicksal wohl, mir gestern auf dem Heimweg ein wenig »Angst« einzujagen. Denn: nachdem ich mein Handy einschaltete, war es nicht mehr Montag, der 14.03.2011, sondern Mittwoch, der 26.01.2011. Auch die Uhrzeit stimmte nicht: Es hätte etwas um 22 Uhr sein müssen, stattdessen war es 13 Uhr am Mittag. Ebenfalls erwischte ich mich, wie ich Menschen auf der Straße genauer anschaute - welche mit Hut begegneten mir aber nicht *puh*. Das saß! Auch, wenn die Musik von Cut Copy (Album: Zonoscope) vielleicht ein wenig zur Stimmung beigetragen hatte...

 

Dekadenz: Die Flucht in's Verderben [ausführlich]

http://www.flickr.com/photos/duvy_galvis_mcgirr/4267466341/

Wenn ich mir heutzutage anschaue, wie die Menschen ihr Leben führen und es mit denen der Urzeit vergleiche, fällt mir besonders auf, dass Letztere vor allem "greifbarer" zu Werke gingen. Sie nahmen Dinge in die Hand, feilten, spitzten, jagten, erlegten, rannten und kamen erschöpft nach Hause. Der körperliche Schwerpunkt des damaligen Lebens ist nicht von der Hand zu weisen, genauso wenig wie der zentrale Kampf um‘s Überleben.

Der Mensch von heute ist nicht hundertprozentig das Gegenteil, aber einige Exemplare (mich eingeschlossen) kommen sehr nah ran. Für nahezu alle Beschäftigungen benutzen wir Werkzeuge, die in der heutigen Informations- und Wissenstransfergesellschaft vor allem aus abstrakten Dingen wie Computernetzwerken, Daten und binären Einheiten bestehen. Existentielle Nöte kennt man heute nur, wenn man einen Ausschluss aus der Gesellschaft befürchten muss.

Im Studium der Medieninformatik höre ich quasi permanent von Abstraktionsschichten ("Layern"), die Hardware und Software abstrahieren. Es wird dann auch so abstrakt, dass ich mir mein Gehirn nur noch abstrakt vorstelle und schließlich mein ganzer Körper zu einem müden Abstraktum mutiert. In meinem Praktikum in Neuseeland hatte ich glücklicherweise die Möglichkeit auch mal Reißaus zu nehmen und mich den wirklich wichtigen Dingen des Lebens zu widmen: Reisen und überleben.

In einem planlosen 3-Tages-Trip auf Great Barrier Island kam ich vor einer mitten im Baumdickicht befindlichen Holzhütte dazu, die Axt zu schwingen, um Holz zu hacken. Es war mein erstes Mal und es fühlte sich gut an. Überhaupt war ich viel "physischer" drauf - der permanente Backpack auf dem Rücken war dabei schon mein mit mir verwachsener ständiger Wegbegleiter. Richtig ungefährlich war der Trip nicht. Nachts hörten wir bei unserem Freihimmel-Schlafen bedrohliche Tiergeräusche, die mich ernsthaft aufschreien ließen. Tagsüber hielt der Aufstieg zum circa 620 Meter hohen Mount Hobson teils reichlich glitschige Etappen bereit, die mit Handgepäck noch um Einiges "interessanter" wurden. Später war der Weg hinab mit sehr schmalen (und noch immer nassen) Pfaden dann fast noch lustiger - Arschbomben auf hartem Boden mitsamt eigener Körperbeschleunigung - wegen des Gefälles - sind eben mindestens eine Erfahrung wert.

Was ich sagen will: "Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen", ist nicht nur ein schönes Märchen der Gebrüder Grimm, sondern passt auch zu dem, was manche Menschen dem Protagonisten gleichtun sollten. Die (intrinsische) Ur-Erfahrung, so würde ich sie bezeichnen, ist die, bei der man auf sich alleine gestellt ist und sich selbst unmittelbar erlebt. Menschen aus den mitteleuropäischen Kreisen & Co. neigen aber dazu, nur im abgesicherten Raum Ihre Erfahrungen zu machen - z.B. mit einem einschlägigen Führer.

Es wird nicht mehr anerkannt, inwiefern man über sich selbst hinauswächst, sondern was man sich kommerziell zu Eigen machen oder temporär gebrauchen kann. Aus einem direktem "Fressen und gefressen werden" von Angesicht zu Angesicht wird ein feiges, verweichlichtes "Erwerben und erworben werden", das nur nach außen hin Glanz und Gloria ausstrahlt, im Inneren aber mindestens so widerlich anzuschauen ist wie ein halb verspeister Tierkadaver der Urzeit.

Statt Dingen auf den Grund zu gehen, wird fein drübergeschminkt - Fassade ist die neue Façon. Fake ist die neue Währung. Je mehr du davon hast, umso höher ist dein Ansehen in der Gesellschaft und dein Marktwert - so sieht der heutige Kampf um Existenz und Überleben aus.

Empfehlenswert, wenn auch schwer verdaulich, ist C. G. Jungs "Archetypen" (Amazon).

Dekadenz: Die Flucht in's Verderben [kurz]

Wenn ich mir heutzutage anschaue, wie Menschen ihr Leben führen und es vergleiche zu den Menschen der Urzeit, fällt mir besonders auf, dass Letztere vor allem "greifbarer" zu Werke gingen. Sie nahmen Dinge in die Hand, feilten, spitzten, jagten, erlegten, rannten und kamen erschöpft nach Hause. Der körperliche Schwerpunkt des damaligen Lebens ist nicht von der Hand zu weisen, genauso wenig wie der zentrale Kampf um‘s Überleben.

Der Mensch von heute ist nicht hundertprozentig das Gegenteil, aber einige Exemplare kommen sehr nah ran. Für nahezu alle Beschäftigungen benutzen wir Werkzeuge, die vor allem in der heutigen Informations- bzw. Wissenstransfergesellschaft aus abstrakten Dingen wie Computernetzwerken, Software und binären Einheiten bestehen. Existentielle Nöte kennt man heute nur, wenn man einen Ausschluss aus der Gesellschaft befürchten muss - der "Abstieg" in Hartz IV ist wohl solch ein Grund dafür.

Was heute als Gefahr, Not, Angst oder Bedürfnis empfunden wird, ist jedoch fern von der Vorstellungen des Neandertalers und dessen Vorfahren. Statt sich darüber zu freuen, dass man am Leben ist und dieses in mitteleuropäischen Kreisen ziemlich unbeschwert genießen kann, wird ein Kraftwerk des Kommerzes in Gang gebracht, das um ein Vielfaches mehr den "Glückslevel" steigern will. Was damals das darwinistische "Fressen und Gefressen werden" war, ist heute das käufliche Erwerben und Erworben werden.

Statt Dinge zu tun, um über sich selbst hinauszuwachsen, geht es oftmals um einen hohen Rang in der Gesellschaft (Prestige bzw. Medienpräsenz) und/oder Geld. Beides ist Gift für die Gesellschaft. Gleichzeitig stellen sie aber auch die wohl wichtigsten Antriebsfedern von Menschen heutiger Zeit dar. "Außen hui, innen pfui" klingt so banal, ist aber wohl die kürzeste Umschreibung der modernen Sozialstruktur.

Grund vielen Übels ist überzogenes Ich-Tum und Selbstüberschätzung gepaart mit verräterischer Idealzerstörung. Betroffene Menschen mit diesen Symptomen sollten sich merken: "Du bist nicht so wichtig." *

* Vater, Sohn und Männlichkeit, Richard Rohr, 2001 (Innsbruck)

Wo gibt es mehr Hass und Dummheit in Einem?!

Ich habe ein wenig Nachrichten gesehen und bei einer gewissen Meldung habe ich fast die Fassung verloren.

Fundamentalistische Christen aus den USA haben sich vorgenommen, den Koran öffentlich am elften September anzuzünden.

Bei diesen Worten überschlugen sich bei mir innerhalb eines kurzen Moments die Gefühle - aus Schock wurde Wut und darauf folgte Angst und Panik. Es ist offensichtlich, dass die Inhalte im Koran nicht gerade beliebt oder vernünftig sind, aber derartig respektlos und skrupellos zu sein, ist...schwer zu beschreiben. So etwas direkt Böswilliges und das auf der Seite der USA, verschlägt einem die Sprache.

Man glaubt, man ist nun auf der sicheren Seite oder in einem Jahrhundert, in dem es vernünftige und friedvolle Menschen gibt, wo der Krieg nicht mehr in den Sinn kommt, in dem man aus Fehlern der Vorfahren gelernt hat. Aber man irrt sich. 

Die Dame in den Nachrichten erwähnte, die Christen tun es, um ein Zeichen zu setzen. Aber wofür bitteschön? Zum nächsten Krieg? Ich kann mir gut vorstellen, dass sie damit nichts derartig Dramatisches im Sinn haben. Umso mehr stellt sich heraus, wie dumm ihr Vorhaben ist, wie wenig sie sich Gedanken um diese Tat gemacht haben, wie verantwortungslos sie sich benehmen!

Ein Volk oder mehrere Länder leben nach dem Koran. Er ist ihnen heilig. Es ist eine Lebenseinstellung, alles woran sie glauben, alles woran sie sich festhalten, ein Grund warum sie leben. Es ist genauso wie mit der Bibel, abgesehen davon sind die Muslime strenger als jeder christliche Katholik.

Warum erlauben sich die Fundamentalisten, einer Sache öffentlich so viel Verachtung entgegenzubringen, die mehr geliebt wird als das Menschenleben selbst?

Wie würdest du es finden, wenn die Russen die deutsche Flage auf dem Roten Platz in Moskau einfach anzünden würden? Das ist doch eine reine Kriegserklärung! Wie gefährlich ist es, eines religiösen Volkes' Allerheiligtum so herablassend zu entwürdigen?

Wo gibt es mehr Hass und Dummheit in Einem?!

- Valentina